Deutschland: Mit Fahrrad-Lust gegen die Krise
Die Tourismusbranche in Deutschland ist zuversichtlich, die aktuelle Wirtschaftskrise gut zu meistern. Der Präsident des Deutschen Tourismusverbandes (DTV), Reinhard Meyer, geht davon aus, dass der Inlandstourismus weiter wächst, der Geschäftstourismus jedoch mit Einbußen zu rechnen hat. Als eine zentrale Maßnahme hat der Verband auf der Tourismusmesse ITB in Berlin am Mittwoch eine Offensive zum Fahrradtourismus vorgestellt. Laut einer Grundlagenstudie des Verbandes generiert allein dieser wachstumsträchtige Tourismuszweig jährlich Umsätze in Milliardenhöhe.
Deutschland verzeichnete 2008 im fünften Jahr in Folge Rekordergebnisse – mit 369,6 Mio. Übernachtungen in gewerblichen Betrieben und auf Campingplätzen konnte neuerlich ein Wachstum von 2,1 Prozent gemeldet werden, bei den Ankünften waren es sogar plus 2,4 Prozent. Auch bei den Übernachtungen ausländischer Besucher legte Deutschland um drei Prozent zu – auf 56,5 Mio. 2009 soll es so weiter gehen, ist Meyer überzeugt. “Der Deutschland-Tourismus ist relativ resistent. Auch in der Krise zählen Qualität und Service”, so der DTV-Präsident. “Wir können das Ergebnis wieder erreichen.”
Laut Meyer ist die Urlaubslust der Deutschen ungebremst. Traditionell wird ein Drittel aller Reisenden im Inland bleiben, ein Drittel ans Mittelmeer fahren, und ein Drittel in den Rest der Welt verreisen. Den Inlandstourismus will sein Verband, der Dachverband aller Landes- und regionalen Tourismusverbände, jetzt mit einer neuen Initiative weiter ankurbeln. Die Grundlagen dafür liefert eine neue Studie zum Thema “Fahrradtourismus in Deutschland”, die ein enormes Wirtschaftspotenzial in diesem Segment diagnostiziert. “Das ökologische Bewusstsein, der Wunsch nach Aktiv- und Wellnessurlaub sowie steigende Energiepreise machen den Radurlaub zu einer attraktiven Reiseform”, so Meyer.
Die von dwif-Consulting vorgelegte Studie spricht von 22 Mio. Übernachtungen, die in Deutschland derzeit jährlich von ausgewiesenen Radurlaubern getätigt werden. Zusammen mit den Tagesauflüglern kommen jährlich 175 Mio. “radtouristische Aufenthaltstage” zusammen, mit Pro-Kopf-Ausgaben von 16 Euro (am Tag) bzw. 64,60 Euro (mit Übernachtung), was eine Bruttoumsatzsumme von 3,869 Mrd. Euro jährlich ergibt. Rechnet man die Kosten für Fahrräder und Zubehör hinzu, ergeben sich an Umsätzen vor Ort und für fahrradtouristische Investitionen und Reisekosten über neun Mrd. Euro jährlich und ein Beschäftigungsäquivalent von 186.000 Personen.
Angesichts dieser “beeindruckenden Zahlen” sprach Meyer auf der ITB vom “besten Konjunkturprogramm” für Deutschland. “Die wirtschaftlichen Kennziffern des Fahrradtourismus stimmen uns optimistisch: enorme Nachfrage, milliardenschwere Umsätze und eine hervorragende Marktposition. Daher muss es Ziel der Tourismuspolitik sein, den Fahrradtourismus in Deutschland weiter gezielt zu fördern.” Der Beauftragte der Bundesregierung für Tourismus im Bundestag, Ernst Hinsken, assistierte: “Der Fahrradtourismus gehört zu den stärksten Tourismussegmenten. Mit dieser fundierten Datenlage wird es für alle Beteiligten einfacher sein, innerhalb ihrer Institutionen für eine verstärkte Förderung des Fahrradtourismus zu werben.”
Die DTV-Fahrradtourismusoffensive fand auf der Messe einhellige Zustimmung, wenn auch gleich von Journalistenseite die Frage gestellt wurde, warum es bis heute nicht möglich sei, in einem ICE-Zug ein Fahrrad mitzunehmen. Diese Frage werde seit Jahren mit den Bahnverantwortlichen diskutiert, erläuterte die DTV-Hauptgeschäftsführerin Claudia Gilles – bis dato ohne Erfolg.
Die Studie beinhaltet neben einer umfangreichen Datensammlung einen Maßnahmenkatalog mit ausgewählten Best Practise Beispielen und konkrete Empfehlungen, wie der Fahrradtourismus für die Zukunft gestärkt werden soll. Die Kurzfassung der Studie, die vom Wirtschaftsministerium gefördert und in Zusammenarbeit mit der BTE Tourismusmanagement, Regionalentwicklung Hannover und der Europäischen Reiseversicherung in München entstanden ist, kann auf der Webseite des DTV heruntergeladen werden. Die Langfassung soll bis Sommer 2009 vorliegen. (Autor)





